Buchtipp: Erzählungen von Ralf Rothmann

24. Februar 2007, 17:45:25

Ralf Rothmann wurde 1953 in Schleswig geboren und ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Seit rund 20 Jahren veröffentlicht er vor allem Romane, Erzählungen aber auch Gedichte und hat in den letzten Jahren mehrere renommierte Literaturpreise erhalten. Der im vergangenen Jahr erschienene Erzählband “Rehe am Meer” enthält 12 Erzählungen. Viele seiner Figuren entstammten wie schon in früheren Werken Arbeiterschicht und Kleinbürgertum. Die neuen Erzählungen bevölkern zunehmend aber auch Figuren anderer Schichten, wie zum Beispiel eine Studentin oder ein Anwalt. Mal nimmt er uns mit zu den Bauarbeiten auf eine Baustelle, ein andermal mit einer jungen Familie in den Urlaub oder lässt uns eine Alleinerziehende auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch begleiten. Es sind Situationen, die auf den ersten Blick oft etwas alltägliches haben und dennoch mehr als das sind. Viele der Erzählungen handeln von Verlust – dem Verlust der Sorglosigkeit, des Vertrauens, des Gewohnten oder gar eines geliebten Menschen.

Nehmen wir zum Beispiel die Titelgeschichte “Rehe am Meer”: Eine allein erziehende Frau erhält kurzfristig einen Vorstellungstermin. Doch wohin solange mit dem Kind? Ihr fällt eine alte Bekannte eine, die das Kind bestimmt nimmt und am Weg wohnt. Dort kommt das Gespräch kurz auf die nun vergangene Ehe und vielleicht ist es das, was die Frau dazu verleitet zu dem Haus zu fahren, dass sich die junge Familie gebaut hatte. Mit einem Nachbarn, der sie für eine Kaufinteressentin hält, besichtigt sie das Haus. Häufig ist es nicht unbedingt der Stoff an sich sondern mehr die Erzählweise, die an Rothmanns Erzählungen bezaubert. Thema dieser Erzählung ist der Schmerz des Verlustes, der sich daraus ergibt, dass die heile Familienwelt auseinander gebrochen ist. Die Hoffnung die mit dem Haus verbunden war, versinnbildlicht sich in den in die Wand des Kinderzimmers eingelassenen Handabdrücke von Vater, Mutter, Kind. Es ist die Gestaltung dieser Verlusterfahrung durch die Erzählerstimme, die den besonderen Reiz ausmacht. Nirgends wird der Schmerz ausdrücklich benannt, er wird spürbar in den Leerstellen, im Ungesagten. Mit sparsam und sorgfältig gesetzten Worten werden die Personen und ihr Umfeld charakterisiert. Aber durch die Schilderung der Realität hindurch schimmert eine symbolische Schicht, geleitet durch Motive die bisweilen auch ins Leere laufen. Ohnehin ahnt man zu Beginn der Erzählung meist noch nicht, wohin sie einen führen wird. Erst im Fortgang der Geschichte erweist sich worum es eigentlich geht, deutet sich an ob da jemand ein- oder auszieht, eine neue Hoffnung geboren oder eine alte begraben wird.

Bei aller Schwere der Thematik gelingt es Ralf Rothmann Lichtpunkte zu setzen, der Schwere eine Leichtigkeit entgegen zu setzen, die den Schmerz erträglicher macht. “Rehe am Meer” ist mein Buchtipp für alle die, die Prosa schätzen, welche große Themen mit klarer Schönheit zu verbinden weiß. Eines noch: Auch wenn die Versuchung groß ist, eine Erzählung nach der anderen zu lesen – lassen Sie sich Zeit, spüren Sie dem Nachhall nach, den das gerade Gelesene hinterlässt und überdecken sie es nicht sofort mit den neuen Eindrücken der nächsten Geschichte.

Ralf Rothmann: Rehe am Meer, Erzählungen, Suhrkamp Verlag 2006.

Lebendige Geschichte – historische Romane für Jugendliche

16. Februar 2007, 21:17:17

Im vergangenen Jahr hat Klaus Kordon den zweiten Band einer Trilogie vorgelegt, die die Familiengeschichte der Familie Jacobi vor dem Hintergrund einiger bedeutender Entwicklungen im 19. Jahrhundert erzählt. Der erste Roman mit dem Titel “1848” handelte von den Erlebnissen des zukünftigen Ehepaars Jacobi in Zeiten der Revolution von 1848. “Fünf Finger hat die Hand” spielt nun vor dem Hintergrund des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871. Im letzten Band plant Klaus Kordon die Zeit von 1878-1890 mit dem Verbot der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands zur Grundlage des Buches zu machen.

In “Fünf Finger hat die Hand” ist die Familie Jacobi auf fünf Personen angewachsen. Familienoberhaupt Frieder ist selbständiger Zimmerermeister, Mitglied im Arbeiterverein und ein Gegner des Krieges gegen den “Erbfeind” Frankreich. Seine Frau Jette kümmert sich liebevoll um die Familie, verdient mit ihrer Stickerei das Schulgeld für den ältesten Sohn und wünscht sich mehr Frauenrechte. August, der 18-jährige Gymnasiast möchte nach dem Abitur Arzt werden und dann seine heimliche Liebe Nelly heiraten. Seine etwa ein Jahr jüngere Schwester Rieke ist künstlerisch begabt und würde am liebsten Malerin werden, ein Weg der ihr zu dieser Zeit als Frau nicht wirklich offen steht. Nesthäkchen Jakob, genannt Köbbe streicht nach der Schule mit seinen Freunden durch die Straßen Berlins und erlebt dort das eine oder andere Abenteuer. Eigentlich gehört auch noch “Onkel Fritz” dazu, der in Wirklichkeit der Cousin von August und Rieke ist. Fritz ist seit dem Deutsch-Österreichischen Krieg Invalide, hat aber glücklicherweise dadurch seinen Humor nicht verloren.

Klaus Kordons Roman beginnt am siebzehnten Geburtstag Riekes – es ist der 14. Juli 1870. Am selben Tag lässt Bismarck seine Version der Emser Depesche veröffentlichen und stellt damit die Weichen auf “Krieg”. August lässt sich von der Patriotismuswelle mitreißen und meldet sich gegen den Willen der Familie freiwillig an die Front. Abwechselnd schildert der Erzähler von nun an das Leben in Berlin oder die Dinge, die August im Krieg erlebt. Hier wie dort gibt es viel bitteres und trauriges zu erzählen, aber auch Begebenheiten die von Mitgefühl, Freundschaft und dem Guten im Menschen zeugen. Der Roman erzählt die Ereignisse aus der Sicht der einfachen Menschen, lässt uns an ihren Diskussionen und an ihren Sorgen, Nöten und Hoffnungen teilnehmen. In Berlin ist es die Schicht des Kleinbürgertums und der armen Leute, im Feld die Sicht der einfachen Soldaten, die ihre Haut hinhalten müssen. Es geht also um die Auswirkungen der Geschichte auf den Alltag der Menschen, aber auch um die Entwicklung zweier junger Menschen (August und Rieke) die sich darüber klar werden müssen, welche (Wahl-)Möglichkeiten ihnen überhaupt bleiben und welchen Weg sie gehen wollen…

Jugendbücher mit sozialen oder historischen Themen haben oft den Fehler, dass ihre Figuren blass wirken, so als seien sie nur eben gerade soweit konzipiert worden, wie dies für die Illustrierung der gewünschten Inhalte nötig ist. Das ist bei den Figuren von Klaus Kordon nicht der Fall. Zwar beziehen auch sie sich immer wieder auf die geschichtlichen Ereignisse, auf die Ausbeutung der kleinen Leute und ihren Versuch durch die Arbeiterbewegung etwas zur Verbesserung ihrer Lage zu tun, aber sie sind nicht auf diese Funktion reduziert. Nebenhandlungen lassen sie lebendiger wirken, bringen sie uns näher und fördern damit eine Identifikation. Folge dieser vielschichtigen Darstellung der Figuren ist auch, dass das Jugendbuch sich nicht wirklich gut in eine Schublade einsortieren lässt: Historischer Roman, Familienroman, Entwicklungsroman – all das trifft auf “Fünf Finger hat die Hand” zu und doch umfasst jeder dieser Begriffe nur einen Teil der wesentlichen Aspekte des Romans. Spannend und lebendig frisch erzählt, ist dieses Jugendbuch nicht nur für geschichtsinteressierte Jugendliche zu empfehlen, sondern auch für andere Leseratten im Alter von mindestens 12 Jahren (Verlagsangabe), eher vielleicht sogar etwas älter. In einem Nachwort erläutert der Autor die historischen Zusammenhänge, so wie sich aus heutiger Sicht darstellen. Ein Glossar, auf welches an den entsprechenden Romanstellen hingewiesen wird, erklärt kurz und verständlich im Roman erwähnte zentrale Ereignisse und historische Personen.

Klaus Kordon: Fünf Finger hat die Hand, Roman, Beltz & Gelberg 2006

Vorschau auf kommende Buchvorstellungen…

10. Februar 2007, 13:24:07

Zur Zeit lese ich noch das im letzten Jahr erschienene Jugendbuch von Klaus Kordon mit dem Titel “Fünf Finger hat die Hand”. Es handelt sich hier um die Weiterführung des Romans “1848″ der schon 1997 veröffentlicht worden ist. Beide Bände, denen noch ein dritter folgen soll, sind eine Mischung aus Familienroman und historischer Roman. Doch dazu bald eine ausführlichere Buchvorstellung.
Als Lektüre für die nächste Zeit liegen unter anderem schon folgende Bücher bereit:
Da wäre einmal “Glennkill”, der Schafskrimi von Leonie Swann. Schafe als Ermittler in einem Krimi, das ist mal eine völlig neue Perspektive und ich bin neugierig, was die Autorin aus dieser witzigen Idee macht. Von Paulo Coelho liegt schon der kontrovers diskutierte Roman “Der Zahir” bereit und last but not least steht auch der neue Erzählband von Ralf Rothmann mit dem Titel “Rehe am Meer” auf meiner Leseliste.
Ich bin sicher, dass von dem einen oder anderen dieser Bücher hier bald eine Rezension zu lesen sein wird…

Märchen über die Macht der Liebe

7. Februar 2007, 12:45:31

Irgendwo in einem Schloss kommt er zur Welt, der kleine Mäuserich Despereaux und ist von Anfang an anders als die anderen Mäuse. Winzig klein ist er, hat unanständig großer Ohren und wurde mit offenen Augen geboren – das gehört sich doch nicht! Aber was noch schlimmer ist, alle Bemühungen seiner Geschwister ihm richtiges Mäuseverhalten  beizubringen fruchten nicht: Fressen bedeutet ihm nicht viel, lieber betrachtet er wie das Sonnenlicht durch das Buntglas der Fenster fällt oder spürt diesen süßen Klängen nach, die sich später als Musik herausstellen werden. Despereaux will auch nicht an Buchseiten knabbern, denn das würde die Geschichte zerstören. Lieber liest er das Märchen von der schönen Prinzessin und dem tapferen Ritter, als es zu essen.

Eines Tages nähert er sich, von der Musik wie verzaubert, dem musizierenden König und seiner Tochter, lässt sich von Prinzessin Erbse berühren. Dieses unmäusische Verhalten kann die Gemeinschaft der Mäuse nicht dulden und schickt Despereaux zur Strafe zu den Ratten in den Kerker. Doch anstatt von den Ratten aufgefressen zu werden, kann die kleine Maus mit der Hilfe des Kerkermeisters entkommen und hört den heimtückischen Plan der Ratte Roscuro, die mit Hilfe des armen Mädchens Mig Prinzessin Erbse entführen will. Aber das kann Despereaux nicht zulassen, ist er doch in die Prinzessin verliebt und so fasst er sich ein Mäuseherz und wächst über sich hinaus.

In diesem Märchenbuch werden alle Hauptpersonen von starken Emotionen geleitet: Liebe, aber genauso auch Hass, Kummer und verletzte Gefühle sind die Triebfedern ihres Handelns. Schwarzweißmalerei gibt es hier nicht, denn keine der Figuren ist von Grund auf nur gut oder schlecht. Der Ursprung von Roscuros Handeln ist die Sehnsucht nach Licht, die oft mißhandelte Mig ist vor allem von der Hoffnung getrieben es auch einmal gut zu haben und auch die “Guten” haben durchaus ihre Schwächen. Es ist also keine rosarote Märchenwelt, die da dargestellt wird und selbst das Happy End ist erstaunlich realistische in dem Sinne, als zwar keine der Figuren leer ausgeht, aber alle Abstriche an der Erfüllung ihrer Wünsche machen müssen.

 Das Buch hat einige düstere und problematische Szenen, nicht nur in den Verliesen sondern auch im Zusammenhang mit der von ihrem Vater verkauften Mig, die viele Schläge einstecken muss. Nun ja, auch in den alten Märchen (etwa denen der Gebrüder Grimm) ist die Welt mitunter ziemlich grausam. Hilfreich ist der Erzähler, der sich immer wieder an seine Leser wendet, die Geschehnisse ordnet und die Gefühle die sie beim Leser auslösen anspricht. Dies  ist der Punkt an dem vorlesende Eltern mit jüngeren oder sensiblen Kindern einsetzen können, um über die Geschehnisse zu reden. Ansonsten ist das Buch für Selbstleser in der 3./4. Klasse geeignet.

 Geschichten gegen die Dunkelheit – Despereaux ist ein empfehlenswertes Märchen über die Kraft der Gefühle und eine Liebeserklärung an das Geschichten erzählen.  

Kate DiCamillo: Despereaux, Von einem der auszog das Fürchten zu verlernen, Deutsche Erstausgabe im Cecilie Dressler Verlag 2004

  Insbesondere für Leser im Raum Köln mag der hier verlinkte Beitrag zu einem anderen Blog mit einem Hinweis zu einer Lesung im März von Interesse sein…

“Harry Potter and the Deathly Hallows” erscheint am 21. Juli

2. Februar 2007, 13:34:34

Nachdem lange über das Erscheinungsdatum des letzten Harry Potter-Bandes spekuliert wurde steht nun fest, dass die Originalausgabe am 21. Juli erscheinen wird. Harry Potter Fans freuen sich, zwei Jahre nach erscheinen von "Harry Potter und der Halbblutprinz", auf den letzten Band und bangen gleichzeitig um das Leben ihres Helden. In alter Tradition ließ die Autorin Joanne K. Rowling verlauten, wie viele Todesopfer es in Harry Potters letztem Jahr auf Hogwarts geben wird, ohne auf nähere Einzelheiten einzugehen. Viele fürchten nun, dass Harry eines der beiden Todesopfer sein wird. An den Spekulationen beteiligte sich auch Harry Potter-Darsteller der Kinofilme Daniel Radcliffe der äußerte, er habe immer gedacht, dass Harry letztlich wohl sterben müsse. Für Radcliffe ist es nicht denkbar, dass der Bösewicht Voldemort getötet werde und Harry weiterlebe. Die Spekulationen über den Ausgang von "Harry Potter and the Deathly Hallows" fachen das Interesse am siebten Band an – dabei kann jetzt schon als sicher gelten, dass der Fantasy-Roman wieder ein Bestseller wird. Allein in Deutschland liegen den Buchhändlern mehr als 40.000 Vorbestellungen für die englische Ausgabe vor. Der Internetbuchhändler Amazon nimmt ebenfalls Vorbestellungen entgegen und garantiert seinen Kunden innerhalb Deutschlands die versandkostenfreie Zustellung des Buches noch am Erscheinungstag. Originalausgabe und deutsche Übersetzung, für die Titel und Erscheinungsdatum noch nicht bekannt sind, führen derzeit zusammen die Bestseller-Liste für Bücher bei Amazon an.